Prominente und ihre Könige
Von Axel Wermelskirchen
30. März 2007
Was wäre ein Topmodel, wenn es einfach nur seiner Arbeit nachginge?
Bei Michael Jackson muss es die Aura sein, dass er immer noch als Superstar gilt. In Tokio zahlten unlängst die 400 Gäste einer sogenannten VIP-Party mit dem früheren King of Pop je 3500 Dollar, obwohl er angekündigt hatte, er werde nicht singen. Es war ihnen genug, ihm die Hand zu schütteln und sich mit ihm fotografieren zu lassen. Auf einer amerikanischen Militärbasis warteten später Soldaten und ihre Familien zwei Stunden lang auf Jackson. Er kam für zehn Minuten, las eine Grußbotschaft vor, warf ein paar Handküsse in die Menge und verschwand. Es war einer der wenigen Auftritte Jacksons seit seinem Freispruch in einem Gerichtsverfahren im Sommer 2005. Dass er einmal Künstler war und gute neue Platten herausbrachte, ist so lange her, dass man schon kaum mehr weiß, warum Michael Jackson zu den wenigen Leuten auf dem Planeten zählt, deren Namen fast jeder schon einmal gehört hat.
Oder Paris Hilton. Es vergeht kein Tag, an dem nicht rund um den Globus Fotos oder Filmaufnahmen der jungen Hotelerbin zu sehen sind. Was macht das Faszinosum dieser Frau aus? Sie ist berühmt, ohne uns mit irgendwelchen Taten oder künstlerischen Darbietungen zu behelligen. Sie wird nicht einmal gefragt, ob sie denn nicht wieder einmal singen wolle. Sie steht einfach nur immer auf dem roten Teppich, gleichgültig, wo und wann es wieder ein Ereignis zu feiern gilt, und bietet ihre Gegenwart dar. Dafür bekommt sie Honorar, das sie vermutlich gar nicht braucht. Reich war sie schon bei der Geburt wie viele Namenlose auch. Aber sie kann sich sagen: Ich habe es zum Superstar gebracht, ich bin bekannter als George W. Bush.
Warum sind die beiden so prominent? Weil das Publikum der Massenmedien es offenkundig so will. Es klebt an den Fernsehprogrammen, in denen sie auftreten, und kauft die Zeitschriften, in denen sie abgebildet werden. Das steigert Einschaltquoten, Auflagen und Werbepreise. Die Zahl der boulevardesken Sendeformate und Zeitschriftentitel wird in jüngster Zeit immer größer. Für die Prominenten sind die Massenmedien die Börse, an denen das kostbare Gut der Aufmerksamkeit des Publikums gehandelt wird. Je häufiger und länger sie sich dort auf den teuren Plätzen präsentieren können, desto prominenter werden sie, desto mehr können sie von dem kostbaren Gut der Bekanntheit bis hin zur Beliebtheit aufhäufen. Dabei geht es nicht nur darum, dass sich das Gut “Aufmerksamkeit des Massenpublikums” heute leichter in Geld umwandeln lässt als früher. Gewiss, die deutschen Fußball-Weltmeister von 1954 mussten sich noch mit Tankstellen und Tabakwarenläden begnügen, während Verona Pooth es mit einer freizügigen Fernsehshow und öffentlichem Wirbel zur “Werbe-Ikone” brachte und heute zu den bekanntesten Frauen Deutschlands gehört.
Offenbar ist es ein Menschheitstraum, aus der Masse herauszuragen, prominent zu sein, im Zentrum der Aufmerksamkeit möglichst vieler Leute zu stehen. Es muss so sein, und das Nachdenken über die “Kulturindustrie” bleibt den alten Eliten vorbehalten, die sich vor den Zumutungen massenmedialer Öffentlichkeit naserümpfend in ihre exklusiven Nischen zurückziehen. Für die sozialen und kulturellen Habenichtse ist Glamour dagegen wohl unwiderstehlich und gleichbedeutend mit der Hoffnung auf Aufstieg. Wie sonst wäre zu erklären, dass halbe Kinder, meist mäßig talentiert, sich in den Casting-Shows der bunten Sender nicht nur öffentlich ausstellen, sondern auch demütigen lassen, vorgeführt von zynischer B-Prominenz?
Und genau an diesem Punkt, dem Traum vom Berühmtsein, setzt die Macht des Publikums der Massenmedien an. Für das Publikum sind diese Medien das Werkzeug, mit dem es die Prominenten nach seinem Willen formt, mit dem es sein Bild von ihnen durchsetzt. Sonst schaltet es ab. Aber nicht die Medien, sondern die Masse ist der Kunde der Prominenten - und dieser ist bekanntlich König.
Über die Massenmedien teilt das Publikum den Prominenten mit, was es von ihnen erwartet - und seine Erwartungen sind unmenschlich groß. Idole sollen sie ihm sein und Ikonen, und auf keinen Fall sollen sie von dieser Welt sein, in der die Unbeachteten hausen. Skandale dürfen die Prominenten haben, wenn sie zu dem Bild gehören, das das Publikum sich von jedem einzelnen macht. Was wäre in seiner Ikonenwelt das Supermodel Kate Moss, wenn die schöne Frau einfach ihrer Arbeit nachginge und nicht immer einmal wieder mit Drogen und wilden Partys aufwarten könnte? Sie hätte die Erwartungen des Publikums enttäuscht. Und was wäre, wenn der “Skandalrocker” Pete Doherty, der Typ mit den coolen Hütchen, der immer eine Kippe zwischen den Zähnen hat, wenn er nach einem Verfahren aus dem Gerichtsgebäude vor die Kameras tritt - was wäre, wenn er morgen zur Heilsarmee ginge? Dann wäre er dem Publikum aus der Image-Schublade für die genialen, aber selbstzerstörerischen Rockmusiker gesprungen, in die es ihn eingesperrt hat. Worüber sollte das Publikum dann tratschen?
Manche Stars passen sich dem Bild, das sich das Publikum von ihnen gemacht hat, so perfekt an, dass sie damit leben können. Seit es die plastische Chirurgie gibt, lassen sie sich dafür sogar in die Körper und Gesichter schneiden. Andere aber verzweifeln daran, dass sie immer nach dem Bilde des Publikums leben sollen, und manche bringen sich gar um. Dann sammelt das Publikum ihre Biographien.
Aber ist das Publikum der Massenmedien schon betrogen, wenn es darauf setzt, dass es auch in der globalen Glamourwelt der Massenmedien, in der Prominenz industriell hergestellt wird, noch Prominente gibt, die wegen ihrer Taten herausragen? Hoffentlich nicht. Sonst müsste es an dem täglichen Mummenschanz, an dem es sich ergötzt, am Ende selbst verzweifeln.
Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, vom 31.03.2007, Nr. 77 / Seite 1
Unsere Reaktion auf diesen Artikel:
Werte FAZ- Redakteure,
Ihr Artikel über die Macht der Medien und die Macht des Publikums ist sehr interessant zu lesen. Auch einige Ihrer Argumente und Schlussfolgerungen können wir sehr gut nachvollziehen. Bedauerlich ist es jedoch, dass Sie Mr. Jackson auf jemanden reduzieren, der früher einmal erfolgreich war und nun kein Anrecht mehr auf Prominenz hätte, weil er ja seit sechs Jahren keine Platte mehr herausgebracht hätte, oder Dinge getan hätte, die in Ihren Augen als Leistung anerkannt werden.
Das wäre so, als müsse man Glenn Miller, Buddy Holly, oder auch Menschen wie Mozart oder Beethoven vergessen, weil sie ja derzeit keine aktuellen Leistungen mehr erbringen. Ihn mit einer Partyqueen gleichzusetzen empfinden wir als unangemessene Reduzierung, die wir Ihrem Blatt eigentlich nicht zugetraut hätten.
Mit freundlichen Grüßen,
Fair Coverage