Nähme man den Zeitungen den Fettdruck – um wie viel stiller wäre es in der Welt. Kurt Tucholsky
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Pressevergehen

Michael Jackson – Die Wüste lebt

Donnerstag, den 15. Februar 2007

Michael Jackson, Wesen unbekannter Herkunft, plant ein Comeback auf einer Showbühne in Las Vegas. Er sollte lieber seine Schulden begleichen und uns endlich in Frieden lassen.

Von Thomas Bärnthaler

Ruhm ist eine furchtbare Droge. Süchtige gehen ohne sie zu Grunde oder werden irre. Es muss vermutet werden, dass Ruhmentzug mindestens so viele Musikerexistenzen zerbrochen hat wie Heroin, Chrystal Meth und Jack Daniels. Der Unterschied: Eine Prise Rampenlicht kann man nicht für ein paar Dollar auf der Straße kaufen. Einmal aus dem Radar der Fan-Gunst entschwunden, gibt es für den darbenden Popstar nur noch ein unzähmbares Verlangen. Er muss zurück, solange der Restruhm noch glimmt, sonst geht es abwärts in die Hölle des Vergessens. Davon könnte Michael Jackson ein Lied singen, wenn er noch eine Stimme hätte, denn tiefer ist noch nie jemand im Popgeschäft gefallen.

Das letzte Album, an dessen Titel sich keiner mehr erinnert, liegt sechs Jahre zurück. Die Neverland Ranch wird wegen Geldmangels demnächst in einer Realityshow verhökert. Die Sache mit den Kindern wird ihn bis ans Ende seiner Tage verfolgen, ein weiteres Mal auf der Ruine seines Gesichts. Kürzlich wollte er in Tokio mit ausgesuchten Fans Weihnachten feiern – für 2600 Euro Eintritt. Die Veranstaltung wurde wegen wütender Fanproteste verschoben. Der hoffnungsvollen Ankündigung, Jackson arbeite mit Will.I.Am, dem Hitproduzenten der Black Eyed Peas, an einem neuen Album, folgten bis jetzt allerdings keine Taten.

Frieden im Streichelzoo

Nun will Jackson es noch mal wissen, wie es im Popjargon heißt, einmal mehr, und plant, so das Las Vegas Review Journal, eine Rückkehr im großen Stil: auf einer Showbühne in Las Vegas. Womit seine an bizarren Fügungen nicht arme Karriere um eine weitere bereichert wird. Wir erinnern uns: Schon das berühmte ,,Thriller‘‘-Video von 1983 prophezeite auf erschreckende Weise die Zukunft. Michael Jackson spielte darin einen tanzenden Zombie. Jetzt scheint der Fürst der Künstlichkeit, der sein einst so hübsches Gesicht Auge um Auge, Zahn um Zahn in eine bleiche Fratze umoperieren hat lassen, seine Bestimmung gefunden zu haben in der Hauptstadt der Gesichtslosigkeit. Ein Haus ist schon gekauft.

Wie sehr würden wir ihm wünschen, dass er im Streichelzoo der verkrachten Existenzen endlich seinen Frieden findet und ein gesichertes Einkommen. Denn es ist genug herumgetrampelt worden auf dem Mann, der mit ,,Billie Jean‘‘ die beste Tanznummer des Universums geschrieben hat. Vielleicht leuchtete ihm der Weg des anderen King wie eine verheißungsvolle Reklame am Ende des Tunnels. Elvis hatte hier in Las Vegas schließlich trotz Midlife-Crisis nochmal die Puppen tanzen lassen und nebenbei ein paar richtige Jahrhundertsongs herausgehauen.

Doch, Hand aufs Herz, von einem Mann, der sich mit 48 Jahren bewegt wie Muhammad Ali mit 67, sind keine musikalischen Höchstleistungen mehr zu erwarten. Er könnte Playback singen, warum nicht? Oder besser noch: gar nicht mehr auf der Bühne stehen. Er könnte seine Rechte für die Songs der Beatles endlich verkaufen und sich für die halbe Milliarde, die ihm dann nach Begleichung der Schulden noch bleiben, ein neues Neverland aufbauen. Es würde so viel besser hierher passen, zwischen Siegfried und Roy. Er könnte dann kleine Gesellschaften empfangen oder als Conferencier durch den Abend führen. Wäre das nicht wunderbar? Ein gebrechlicher, aber kein gebrochener King of Pop im verdienten Ruhestand. Ein Mann, der nichts mehr braucht. Schon gar kein Comeback.

(SZaW v. 10./11.2.2007)

Quelle: Sueddeutsche Zeitung